Die Kraft der Düfte. Mario Lombardo von Atl. Oblique im Interview mit ohhhsorelaxed.com

Mario Lombardo über die Kraft der Düfte

Wie bringt man einen Raum zum Klingen? Welche Erinnerungen wecken Gerüche? Wie kann man Gefühle und Poesie in Düfte packen? Autorin Ariane im Interview mit dem Schöpfer von Atelier Oblique, Mario Lombardo.

Von Ariane Busch

Atelier Oblique mit seiner Alphabet Collection ist eine meiner Lieblingsduftkerzen, seit ich vor zwei Jahren zum Valentinstag mit dem A beschenkt wurde – the always & the forever. Mehr Romantik geht nicht. Mehr raffinierte Duftkomposition und mehr hochwertiges Design auch nicht. Hinter Atelier Oblique und dem charmanten französisch angehauchten Store in der Mulackstrasse in Berlin Mitte steckt Mario Lombardo, preisgekrönter und mehrfach ausgezeichneter Designer, der sonst für Marken wie Louis Vuitton, Rosenthal und KaDeWe kreiert, und nun seine Leidenschaft in das Erschaffen von Duftwelten gesteckt hat. Bald steht der Launch seiner neuen Unisex Parfums an. Ich treffe Mario Lombardo in auf einen Aperitif und ein Gespräch über die Kraft der Düfte.

MARIO LOMBARDOS POESIE DER DÜFTE

Ariane: Mario, deine Heimat Argentinien bzw. die Gerüche, die Du mit Deiner Kindheit dort verbindest, haben Dich dazu inspiriert, Duftkerzen und Atl.Oblique zu entwickeln. Du hast Deine Erinnerungen in Gedichte und Düfte gepackt, wolltest Dufträume schaffen. Bitte erzähl uns doch ein bisschen mehr.

Mario: Da ich kein Parfümeur bin, bin ich ganz unbefangen an das Projekt herangegangen, deshalb habe ich wahrscheinlich auch viele Umwege gemacht. Die ersten Schritte gingen in mein Inneres, da habe erst einmal studiert, was ich da alles so fühle.  Im zweiten Schritt pickte ich mir bestimmte Gefühle heraus und habe versucht diese aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Aus diesen Betrachtungen wuchsen wiederum viele Fragen. Wieviele Realitäten, Wahrheiten, etc. gibt es in und zu einem Gefühl und wie bringe ich sie in einem Duft zum Ausdruck? Wie bringt man einen Raum zum Klingen? Und, und, und. Es wurde sehr komplex und dann natürlich die Frage, wie vermittelt man das überhaupt? So habe ich erst mal für jeden Buchstaben ein Gedicht geschrieben, um einen Rahmen zu schaffen und um mit dem Parfümeur zu kommunizieren, der mir dann in seiner Sprache, also Düften, geantwortet hat. So haben wir uns Schritt für Schritt an jeden Duft angenähert.

Das N – the resolute urgency of now – ist Deiner Mutter Nilda gewidmet.

Ja, meiner Mutter ging es immer um den Moment. Das ewige Jetzt. Das kommt wohl daher, dass wir damals in den späten 70ern aus Argentinien geflohen sind, wir einen kompletten Neustart hinlegen mussten und sie ständig mit neuen Aufgaben konfrontiert war und so immer versucht hat, die Probleme des Moments zu lösen. Sie war sehr mutig, Es gab kein „Früher war alles besser“ bei ihr und Rose war ihr Duft.

Nach ihrem Tod habe ich mir nur eine Sache aus ihrer Wohnung mitgenommen und das war ihr Parfum. Ich kann es kaum aufmachen, aber es steht immer nah bei mir. Ich wollte mit dem N aber auch etwas Neues und modernes schaffen, der Tradition folgen und gleichzeitig etwas Frisches kreieren. Dann kam das Haus Robertet mit der Idee eine kühle Minze in der Kopfnote einzufügen, und das ist wirklich sehr toll. Sie ist ganz flüchtig und erstmal kaum wahrnehmbar. Sie steigt nach dem entzünden der Kerze schnell zur Deckenhöhe auf und senkt sich mit dem Abkühlen langsam herab. Der Raum wird so vorerst unsichtbar mit den Rosenakkorden gefüllt und bekommt dann durch die Minznote eine Kühle und Weite. Ein kühler Hauch, eine frische Brise, eine Überraschung…

Ich glaube, ich muss das N sofort ausprobieren.

… mach das mal! Am schönsten ist es, wenn du den Raum zwischendurch verlassen darfst. Wenn Du wiederkommst, wirst Du merken, wie sich die Minze über die Rose legt. So ähnlich entwickeln sich ganz viele von meinen Düften, das ist der parfumeuristische Ansatz, es ist immer eine ganze Komposition und der Duft hat eine Architektur. Sie riechen nicht nur nach einer Note.

Was ist Dein persönlichster Duft?

Es fällt mir sehr schwer, das jetzt zu reduzieren. Es wechselt bei mir je nach Stimmung, ist auch stark von den Jahreszeiten abhängig. Jetzt vor Weihnachten liebe ich zum Beispiel das U – The Universe. Im Sommer habe ich die Duftkerze aber nicht angemacht. Und die ganzen zitrischen Düfte wären mir im Winter zu grell, sie brauchen die Sonne. Das P liebe ich eigentlich fast immer, es hat etwas Pudriges, sehr Reiches, Füllendes – so etwa wie Versailles. Es ist erotisch-knisternd, fühlt sich fast so an wie Samt.

MARIOS DUFTKERZEN-ABC

Wählst Du je nach Stimmung einen anderen Buchstaben?

So ungefähr, ja, aber am liebsten mag ich die Entscheidung, wenn Gäste kommen. Welcher Duft wird für alle passen? Das ist auch das Spannende, wenn Leute in den Laden kommen. Der eine findet das E fantastisch und der nächste wiederum sagt bei dem E „Oh nein, das ist ja schrecklich, das riecht ja wie meine Ex!“. Da merke ich jedes mal, wie subjektiv Düfte sind, und wie unterschiedlich Menschen empfinden und konnotieren. Und wenn wir Gäste zum Essen nach Hause einladen, überlegen wir, wer kommt und wählen die Duftkerzen aus, die am besten passen könnten. Manchmal wollen wir auch eine bestimmte Stimmung erzeugen. An anderen Tagen mache ich auch drei verschiedene an.

Verbindest Du einen bestimmten Duft mit Deinen Kindern?

Meine kleine Tochter Suvi kam ja erst später. Sie ist ganz frisch auf der Welt, für sie werde ich noch etwas kreieren, aber meine ältere Tochter Mila schwingt natürlich in ganz vielen Kompositionen mit. Mit ihrer Geburt und Entwicklung habe ich einen Einblick bekommen in das, was wirklich Liebe ist, etwas was Eltern erfahren, ein Versprechen des »für-immer«. Die Verantwortung, die mit ihr kam, war so gar nicht beängstigend. Es kam nicht die Frage auf, „Schaffe ich das oder schaffe ich das vielleicht nicht?“, ich wusste, das wird alles super.

Das steckt in dem Duft G, dieser winzige Einblick in das ganz große Ganze, der einem versichert, dass alles ganz normal und natürlich ist. Im Grunde gibt es nur Jas im Leben. Neins sind eigentlich keine Neins sondern nur Jas für eine andere Richtung. Das M haben Mila und ich zum Beispiel auch zusammen entwickelt. Ein bisschen was von mir, Holz und Tabaknoten, Mila hat dann noch Vanille vorgeschlagen und auf einmal war da ein holziger Duft mit einer ganz süßen Wärme drinnen. Das sind wir beide. Der Duft ist einer unserer absoluten Bestsellern. Und so kommt sie in meiner Arbeit natürlich ganz häufig vor.

… und Deine 7 Monate alte Tochter Suvi verbindest Du natürlich mit einem anderen Duft.

Suvi ist eine ganz lustige und aktive Person, für sie würde ich einen ganz anderen Duft schaffen. Ihr Duft hätte etwas spritziges, wäre eher aufregend und abenteuerlustig. Zietrisch-warm. Sie erobert ihre Welt gerade mit viel Energie und einem Lächeln.

Ist es so, dass sich für Dich eine ganz neue Welt eröffnet hat seit Du die Düfte entwickelt hast,  Du auch mehr direkt in Düfte übersetzt?

Es ist eine neue Farbe in meinem Leben. Aber ich habe schon immer probiert, Sachen in andere Formen zu übersetzen. Das ist meine Kraft im Grafikdesign. Da kreiere ich ganze Sprachen für meine Kunden.

„Mein Leben hat durch die Düfte eine neue Farbe bekommen.“

Welche Rolle spielt Deine Heimat Argentinien?

Wir mussten das Land früh verlassen, als ich gerade fünf Jahre alt war. Als ich sechzehn Jahre später auf einer Reise zum ersten Mal wieder dort ankam, wurde ich überwältigt von dem Gefühl, zuhause zu sein. Ich konnte es erst nicht wirklich definieren. Was war das für ein Gefühl und vor allem wo verdammt kam es her? Das Bild, das ich von Argentinien hatte, hatte so gar nichts mit der Realität zu tun, die sich mir zeigte. Nichts stimmte: Die Vorstellungen, die ich abgespeichert hatte, die Stimme meiner Verwandten, meiner Großmutter, der Klang der Stadt, alles war ganz anders, die Geschmäcker waren es auch nicht. Dafür hatte meine Mutter mit ihrer Küche über die Jahre gesorgt. Dieses Gefühl zuhause zu sein, hat mich in eine Reise in mein Inneres gezogen.

Ich habe mich ständig gefragt, woher das Gefühl kam, bis ich wusste, es sind die Gerüche. Die Erkenntnis war wie eine Befreiung. Kennst du dieses überwältigendes Gefühl, wenn du merkst das ist die Lösung, auch wenn du kein Beweis dafür hast? Mir wurde wurde augenblicklich und sehr eindrücklich bewusst, was Düfte für eine Kraft haben, wie tief sie in uns stecken. Und wie früh diese Erinnerung in uns beginnt, ohne das man sie konkret festmachen kann.

Ich habe dann später angefangen kleine Tests mit mir selbst zu machen und habe dabei alles notiert. „Woran erinnert mich frisch gemähtes Gras im Frühling“? zum Beispiel, oder woran „frisch gemähtes Gras nach einem Regen“? Woran verschieden Regensorten? Und was ich spannenderweise herausgefunden habe: diese Erinnerungen sind – zumindest bei mir – alle gut! Schlechte Erinnerungen habe ich olfaktorisch gar nicht abgespeichert, ich kann sie zumindest nicht abrufen. Das Schlechte ist nicht präsent, sondern Düfte haben bei mir immer etwas mit Freude zu tun. Schön irgendwie.

„Mir wurde wurde augenblicklich und sehr eindrücklich bewusst, was Düfte für eine Kraft haben, wie tief sie in uns stecken.“

… und dann dachtest Du: „Daraus mache ich jetzt Duftkerzen“?

Nein, das kam erst viel später. Ich wollte zwar schon sehr lange mit Duft arbeiten, habe aber nie begonnen. Der Auslöser war erst der Tod meine Mutter. Das war für mich ein sehr wichtiger Moment. Nach den Trauerphasen habe ich beschlossen, dass ich mir Dinge wieder ins Gedächtnis rufen möchte, die ich wundervoll fand. Nicht nur an ihr sondern überhaupt. Und auch wenn andere Menschen andere Erinnerungen mit Rosenduft verbinden, möchte ich, dass auch sie dieses Blühen miterleben.

Du willst etwas schaffen, das bleibt.

Ja, nicht nur für mich. Das ist etwas, was ich mit den Parfümeuren sehr lange besprochen habe: Wie persönlich dürfen Düfte wirklich sein? Wir haben entschieden, dass sie allgemein sein müssen. Jeder Duft hat immer etwas von mir, aber alle haben auch Ebenen und Aspekte, die neu interpretiert werden kann. Das hat mir viel Kraft beim Entscheiden und zulassen gegeben.

Es kann nicht nur für Dich sein, weil es jeder anders wahr nimmt.

Genau! Als ich dann den Entschluss getroffen hatte, Duftkerzen zu machen, haben sich augenblicklich viele Sachen verändert. Die Antworten kommen dann meist von selbst, wenn man sie zulässt. Da bin ich sehr esoterisch. Es war kurz vor Weihnachten, als ich mit einem alten Freund, Alexander Straulino, am Grunewaldsee  spazieren war und ihm ganz beiläufig erzählte, was jetzt mein Plan sei. Er hat mich dann mit seinen Freunden von Beauty Punch connected. Wir haben uns dann relativ zeitnah getroffen, ich glaube es war nicht mal eine Woche später. Ich hatte in der Zwischenzeit ein kleines Konzept geschrieben und sie waren ganz begeistert. Rasch musste die Entscheidung gefällt werden, ob wir nur eine Kerze machen oder mehrere und ich dachte mir: „Dann mache ich doch gleich ein ganzes Alphabeth, das mache ich als Designer doch die ganze Zeit!“ Und so kam plötzlich alles von selbst. Auch der Laden in der Mulackstrasse kam von selbst, das war toll.

„Dann mache ich doch gleich ein ganzes Alphabet, das mache ich als Designer doch die ganze Zeit!“

Ich finde, euer Laden hat etwas Französisches.

 Ja, so soll es auch sein. Ich mag Paris sehr gerne. In Frankreich wird so vieles noch von Hand gefertigt. Es ist so liebevoll. Das habe ich mir als Beispiel genommen, denn bei Atelier Oblique ist auch fast alles in Handarbeit produziert.

Erzähl uns etwas über Deine neuen Parfums.

Es sind vier: Closer, White Light, Marble Sea und Saint – alle unisex. Sie sind ebenfalls in Zusammenarbeit mit Robertet entstanden. Hier ist das Thema Paris meets Berlin. Rough trifft fein, cool trifft Eleganz. Das Thema wird schon mit der Verpackung aufgenommen. Sie hat viele Ebenen: Außenverpackung als eine Art Betonbunker, eine Graupappenschuber mit Einschub, alles geprägt. Innen liegt die Parfumverpackung. Sie ist wie die der Duftkerzen, aus einem edlen schwarzen Papier, gehämmert und silbern geprägt.

Der Flakon selbst ist elegant und sehr minimal mit einem erschwerten Deckel und geprägtem Etikett. Insgesamt verkörpert das Design einerseits das kühle Deutsche – ich denke hier zum Beispiel an deutsche Architektur, das Berghain oder die breiten Straßen Berlins – und andererseits das Üppige und Feine der zwanziger Jahre in Frankreich, ich habe hier das Bild der Extravaganz und der wilden Feiern vor Augen. Diese Kombination passiert in den Düften und auch in der Verpackung.

Sind die Parfums die logische Konsequenz nach den Duftkerzen?

Ich wollte schon immer Parfums machen. Die Duftkerzen waren eher die schüchterne Vorentscheidung. Jetzt ist es soweit.

Verrätst Du uns noch, ob es ein Entspannungsritual für Dich gibt? Wie tankst Du auf?

Oh, es gibt ganz viele Rituale, aber sie wechseln immer. Zuletzt, als in den letzten Tagen die Spätherbstsonne so schön geschienen hat, bin ich täglich zu Fuß ins Büro gegangen. Knapp 40 Minuten von Mitte nach Kreuzberg – megaentspannend.  Das habe ich mir von Helmut Friedel abgeschaut, einem Kurator mit dem ich gerade arbeite, er ist 72. Auf dem Weg zu einem Termin meinte er einst: „Mario, ich hätte gar nicht so viel Sport machen müssen, ich hätte einfach nur die 2 Haltestellen zu meiner Arbeit gehen müssen, jeden Tag. Stattdessen bin ich immer mit der Bahn gefahren.“

Da dachte ich mir, wow das ist ja toll, er hat recht. Diese 40 Minuten Fußweg bedeuten eigentlich nur 20 Minuten früher raus, weil ich mit der Bahn sonst auch 20 Minuten gebrauche. Doch der Mehrwert war wundervoll. Ich konnte über so vieles in Ruhe nachdenken, ich war an der Luft, hab mich bewegt, die Sonne schien, ich habe Musik gehört, ich war alleine, was selten ist in meinem Leben… das war Quality Time pur, und die beste Entspannung in den letzten Tagen. Wie das im Winter wird weiß ich noch nicht genau. An sonnigen Tagen werde ich es bestimmt wieder machen. An den grauen Tagen gibts dann wahrscheinlich die Badewanne und Tür abschliessen…

… als nächstes machst Du dann wahrscheinlich ein Badeöl?

Vielleicht. Doch hier noch mal zurück zu dem, was mir meine Mutter mitgab: Ich will gar nicht jetzt entscheiden, was morgen ist. Wenn es dann soweit ist, will ich die Entscheidung treffen und auch tragen können.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch, lieber Mario Lombardo.

Mario Lombardos Produkte von Atl.Oblique sind in der Boutique in der Mulackstrasse 20 in Berlin Mitte und auch online erhältlich. Weitere Bezugsquellen und Informationen findet ihr auf atelier-oblique.com.

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Ariane

Fotos: Gregor Hohenberg/Ariane Busch/PR

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